Mythos : Ländliche Gebiete verursachen nur wenig CO2-Emissionen

Landgemeinden verursachen häufig mehr CO2-Emissionen als Städte. Des Weiteren haben sie oft beträchtliche Probleme mit der Luftqualität. Dazu tragen eine Reihe von Faktoren bei: die Notwendigkeit, längere Strecken zu fahren; die fehlende Auswahl bei der Energiequelle, die zur Verwendung von umweltschädlichen Brennstoffen (Kohle, Heizöl, Holz) führt, sowie der Ausstoß von Treibhausgasen durch die Landwirtschaft.

Newsletter

  • 20/12/2011

    „Es ist Zeit zum Durchatmen – aber nicht zum Ausruhen“ – Interview mit Dr. Thomas Kuhlbusch

    Professor Wolfgang Mauch

    Thomas Kuhlbusch, geboren 1964, ist Bereichsleiter für Luftreinhaltung und nachhaltige Nanotechnologie am Institut für Energie- und Umwelttechnik e.V. (IUTA), einem An-Institut der Universität Duisburg-Essen.

    Nach seinem Studium der Chemie in Münster mit Promotion in Mainz forschte Kuhlbusch zwei Jahre in den USA im Bereich Klimawandel, bevor er 1997 an die Universität Duisburg wechselte. Sein Forscherteam zum Thema „Feinstaub“, das er dort aufbaute, wechselte 2001 mit ihm an das IUTA. Kuhlbusch ist Koordinator mehrerer deutscher und europäischer Projekte zu diesem Thema sowie Berater der Europäischen Kommission in verschiedenen Gremien.

    Die IUTA ist im Bereich der Energie- und Umwelttechnik eines der größten verfahrenstechnischen Institute Deutschlands. Neben anwendungsorientierten Forschungs- und Entwicklungsprojekten zu Feinstaub zählen auch die Bereiche Nanotechnologie, funktionale Oberflächen, zukünftige Energieversorgung und hochtoxische Substanzen zu den Kernarbeitsgebieten des Instituts.

    Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür. Heizungen laufen auf Hochtouren, die Menschen steigen vom Fahrrad wieder vermehrt aufs Auto um, dazu noch winterliche Inversionswetterlage – Herr Dr. Kuhlbusch, atmen Sie noch tief durch auf dem Weg zur Arbeit?
    Vom Fahrrad aufs Auto umzusteigen ist in solchen Situationen keine gute Idee, wie entsprechende Studien belegt haben. Die Partikelbelastung im Auto ist eher noch höher und man verliert zusätzlich den gesundheitsfördernden Trainingseffekt. Insbesondere für vorgeschädigte und empfindliche Personen ist es an solchen Tagen aber angebracht, das Verhalten der Luftqualität anzupassen und extreme Situationen mit schlechter Luft zu vermeiden. Das heißt, lange Fahrzeiten in Innenstädten oder Spaziergänge an viel befahrenen Straßen zu vermeiden. Dies trifft jedoch nur für die wenigen Tage im Jahr zu, an denen die Feinstaubgrenzwerte überschritten werden.

    Was ist Feinstaub eigentlich genau, gibt es Unterschiede?
    Als Feinstaub wird der luftgetragene Staub bezeichnet, der im Durchmesser kleiner als 10 Mikrometer ist, also wesentlich kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Solche Partikel werden auch PM10 genannt. Zu Feinstaub zählen aber auch Partikel, die nochmal hundert- bis tausendmal kleiner sind als 10 Mikrometer, sogenannte nanoskalige oder ultrafeine Partikel. Das zeigt den weiten Größenbereich von Feinstaub-Partikeln, der auch die Lungengängigkeit beeinflusst. Staub ist also nicht gleich Staub. Neben der Partikelgröße ist auch die chemische Zusammensetzung der Partikel wichtig. Während sich Seesalzpartikel im Körper sofort auflösen und keine schädliche Wirkung haben, weil Salz ein natürlicher Bestandteil des Körpers ist, sind andere Verbindungen wie Metalle oder Ruß stabil und können zu negativen gesundheitlichen Effekten führen.

    Welche Gefahren für die Gesundheit gehen von Feinstaub aus?
    Feinstaub gelangt beim Einatmen in die Lunge. Ein Teil des Staubs verbleibt in den Atemwegen, wo er zu entzündlichen Reaktionen führen oder aber auch in das Blut und damit in weitere Bereiche des Körpers gelangen kann. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Feinstaub insbesondere bei vorgeschädigten oder empfindlichen Personen zu Atemwegserkrankungen und Herzkreislaufschädigungen bis hin zu einem vorzeitigen Tod führen kann. Neuere Untersuchungen zeigen außerdem Zusammenhänge mit Arteriosklerose und Altersdiabetes. Für Feinstaub wurde bisher keine untere Grenze der Konzentration gefunden, bei der keine negativen gesundheitlichen Effekte auftreten.

    Was sagt die Herkunft des Feinstaubs über dessen Eigenschaften aus?
    Jeder kennt den Staub, der beim Straßenfegen oder im Haushalt aufgewirbelt wird. Ein Teil dieses Staubs ist auch Feinstaub, genauso wie Partikel aus Emissionen von Industrieanlagen. Auch die Natur ist ein wesentlicher Staublieferant. Winderosion von Bodenmaterial, insbesondere in ländlichen Gegenden, ist ebenso eine natürliche Quelle wie Seesalz, Vulkaneruptionen und Waldbrände. Alle diese Partikel haben unterschiedliche Eigenschaften in Bezug auf Partikelgröße, Partikelform und chemische Zusammensetzung. Diese Merkmale haben zum einen direkten Einfluss auf den Transport in der Luft, d.h. ob die Partikel am Ort der Emission verbleiben oder über tausende Kilometer weit transportiert werden können. Zum anderen wird auch ihr gesundheitsgefährdendes Potential dadurch beeinflusst. Lösliche Partikel beispielsweise haben keine partikelgebundene Toxizität, während Ruße oder metallische Partikel nachgewiesenermaßen gesundheitsschädigend wirken.

    Wie lassen sich diese Feinstaubquellen überhaupt identifizieren?
    Einem Staubkorn sieht man nicht direkt an, woher es kommt. Zur Identifizierung der Feinstaubquellen müssen aufwendige Studien durchgeführt werden, die Informationen wie Konzentrationsgradienten zwischen verschiedenen Standorten, chemische Inhaltstoffanalytik und Untersuchungen zur Struktur von Partikeln beinhalten. Neben diesen direkten Studien am Staub selber werden auch Modellrechnungen verwendet. Hierbei werden die Emissionen, die Verteilung, der Transport und die Reaktionen der Partikel in der Atmosphäre rechnerisch modelliert, um Informationen zur räumlichen und zeitlichen Verteilung der Partikel zu erhalten. Diese Modelle sind mittlerweile sehr gut, so dass die modellierten Ergebnisse zumeist in einem Bereich von 20-40 Prozent um den tatsächlich gemessenen Wert herum liegen.

    Wo sehen Sie Defizite bei aktuellen Messverfahren für Feinstaub?
    Zwei Bereiche werden meiner Meinung nach zurzeit vernachlässigt. Der eine ist, dass Staub nicht gleich Staub ist und wir trotzdem im Wesentlichen nur eine Messeinheit für luftgetragene Stäube betrachten, die Massenkonzentrationen an PM10 und PM2,5. Andere Messgrößen, wie die Summe der Partikeloberfläche oder die Partikelanzahl pro Volumeneinheit wären eventuell viel aussagekräftiger in Hinblick auf bestimmte Gesundheitseffekte. Hier ist es notwendig, noch weitere Studien durchzuführen. Der zweite Bereich ist der Einsatz fester Messstationen. Diese sind sehr gut zur Bestimmung der Luftqualität und ihrer Veränderung im Laufe der Zeit geeignet. Der Nachteil liegt jedoch darin, dass der Bezug zu uns – Menschen, die in den Städten, den Straßenschluchten, in Innenräumen und im Straßenverkehr ihre Tage verbringen –  nicht unbedingt gegeben ist. Der Effekt der Außenluft auf den Menschen lässt sich so zwar mit einigen wissenschaftlichen Annahmen studieren, nicht aber der gesamte Effekt von Partikeln auf die Gesundheit. Hier ist es notwendig, in Zukunft koordinierte Ansätze zu entwickeln und zu verfolgen.

    Der Straßenverkehr ist nur eine gut belegte Quelle für Feinstaub. Was sind die Hauptemittenten von Feinstaub in unserem täglichen Leben?
    Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit in Innenräumen. Daher sind Feinstaubquellen in Innenräumen – zu Hause und am Arbeitsplatz – nicht zu vernachlässigen und doch zeigen Studien klare Korrelationen zwischen Außenluftfeinstaub und negativen gesundheitlichen Effekten. Für die Außenluft können wir im Mittel davon ausgehen, dass ca. 20 Prozent der Partikelmassenkonzentration aus natürlichen Quellen stammen. Der von Menschen verursachte Feinstaub kommt, neben dem Verkehr, aus der Hausfeuerung, hier insbesondere technisch einfachen Holz- und Kohlefeuerungen. Ein weiterer Bereich ist die Industrie, wo Kohlekraftwerke und die Schwerindustrie einen wesentlichen Teil des Feinstaubs erzeugen. Aber auch landwirtschaftliche Aktivitäten sind mit Feinstaubemissionen verbunden.

    Wie setzt sich Feinstaub im regionalen Vergleich zusammen? Gibt es Unterschiede oder flächendeckende Gemeinsamkeiten?
    Ein Teil des Feinstaubs ist ubiquitär, das heißt überall vorhanden, da auch seine Quellen allerorts zu finden sind und die Partikel über mehrere Tage in der Luft verbleiben. Vor diesem allgemeinen Hintergrund zeigt die Betrachtung der Hauptemittenten, dass es deutliche Unterschiede in den absoluten Konzentrationen und in der Zusammensetzung von Feinstaub zwischen Stadt und Land gibt. Im städtischen Raum dominieren Emissionen aus dem Verkehr sowie dem Hausbrand und der Industrie. In ländlichen Regionen kommen außerdem signifikante Beiträge aus landwirtschaftlichen Aktivitäten und von Herbst bis Frühjahr vermehrt aus Holzfeuerungen hinzu. Der Verkehrsanteil nimmt von Stadt zu Land deutlich ab.

    Die Luft ländlicher Regionen hatte bisher immer den Ruf, besonders sauber und vor allem reiner als in der Stadt zu sein. Kann man heute noch von der „sauberen Landluft" sprechen?
    Hieran hat sich im Allgemeinen nichts geändert. Der Unterschied zwischen Stadt und Land hinsichtlich der Luftschadstoffe hat sich in den letzten Jahren aber drastisch verringert, da sich insbesondere die Luft in den Städten deutlich verbessert hat. Trotzdem gibt es auf dem Land auch Gebiete und Regionen mit deutlich erhöhter Luftbelastung. An solchen Orten, zum Beispiel mit intensiver Viehwirtschaft, ist auch über luftverbessernde Möglichkeiten nachzudenken.

    Was sind Ihre Forderungen für eine effektive Feinstaubreduzierung an die Entscheidungsträger in der Politik?
    Genauso wie der Klimaschutz fängt auch die Feinstaubreduzierung bei jedem Einzelnen an. Gerade hier bieten sich viele Möglichkeiten, die aber nur durch gemeinsame Strategien realisiert werden können. Nehmen wir den Straßenverkehr, der in städtischen Gebieten eine wichtige Quelle von Feinstaub und anderen Luftschadstoffen ist: Wir emittieren diese Schadstoffe genau an den Orten, wo wir leben, wo wir spazieren gehen. Nehmen wir den Hausbrand: Kamine mit schlechter Energieeffizienz und Brenntechnik verschmutzen die Luft in unserem direkten Lebensraum. Hier liegt ein enormes Potential für die Entscheidungsträger. Wichtige Maßnahmen sind zum Beispiel effizientere Straßenführung, vereinfachte Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, eine verbesserte Fahrrad-Infrastruktur und die Förderung von Elektrofahrzeugen sowie die Unterstützung emissionsarmer und energieeffizienter Öfen für die Hausfeuerung. Neben diesen indirekten Maßnahmen sind wir aber auch auf technische Regelungen angewiesen, so wie sie in vielen Luftreinhalteplänen in Deutschland vorgesehen sind.

    Herr Kuhlbusch, wie schätzen Sie die Feinstaubproblematik heute ein?
    Blickt man heute auf Willy Brandts Forderungen von 1961 nach einem „blauen Himmel" über dem Ruhrgebiet zurück, so stellt man fest, dass sich in den letzten 50 Jahren sehr viel getan hat. In ganz Deutschland wurden die Emissionen drastisch gesenkt. Deshalb ist unsere Luft heute so sauber wie seit mehr als 100 Jahren nicht mehr – mit blauem Himmel selbst über der Ruhr. Doch auch heute sind überall noch erhöhte Feinstaubwerte zu beobachten. Dabei ist die Lösung des Feinstaubproblems längst nicht mehr nur ein Kostenfaktor, sondern kann sogar ökonomische Vorteile mit sich bringen. So hat eine Schweizer Studie ergeben, dass jeder Schweizer Franken, der für die Einführung von Rußfiltern für Baumaschinen investiert wird, mittelfristig zu einer Einsparung von 20–30 Franken führt. Noch ist es also nicht an der Zeit, die Hände in den Schoß zu legen – es ist weiterhin wichtig und richtig in unsere Umwelt zu investieren!

  • 19/12/2011

    Ausgabe 2/2011 – Feinstaub im ländlichen Raum

    Die FREE-Initiative hat ihren aktuellen Newsletter zum Thema " Feinstaub im ländlichen Raum Ein unterschätztes Problem?" veröffentlicht.


    Inhalt:

    Wie Feinstaub und Ruß das ewige Eis verändern
    In den arktischen Gebieten, in Grönland und im Himalaya gehen die Eismassen immer weiter zurück. Schuld daran sind unter anderem Feinstaub- und Rußemissionen, die zum Abschmelzen des ewigen Eises führen. In den bisher aufgelegten Umweltprogrammen der Staatengemeinschaft fand dieser Zusammenhang bislang wenig Beachtung.

    Interview: Dr. Kuhlbusch zu Feinstaub in ländlichen und städtischen Räumen
    Dr. Thomas Kuhlbusch, Bereichsleiter für Luftreinhaltung und nachhaltige Nanotechnologie am Institut für Energie- und Umwelttechnik e.V., einem An-Institut der Universität Duisburg-Essen, stellt fest, dass sich der Unterschied in der Luftqualität zwischen Stadt und Land deutlich verringert hat. Vorerst sei es Zeit zum Durchatmen – aber nicht zum Ausruhen.

    Das vollständige Interview lesen Sie auf der FREE-Webseite.

    Kampagne: Kein Diesel ohne Filter
    Der Straßenverkehr ist nachwievor Europas größter Emittent von Dieselruß. Mit der Kampagne "Rußfrei fürs Klima" versuchen BUND, NABU, VCD und DUH europaweit auf klimaschädliche Effekte von Dieselruß hinzuweisen. Ziel ist es, den Dieselrußausstoß bis 2020 auf null herunterzufahren. Elektromobilität ist jedoch nicht zur Lösung aller Probleme in diesem Zusammenhang geeignet.

    Rohstoff Holz: Potenziale und Herausforderungen
    In der Diskussion um den Ausbau der regenerativen Energieerzeugung nimmt der Einsatz von holzartiger Biomasse eine wichtige Rolle ein. Auch dank seiner CO2-Neutralität liegt Holz heute hoch im Kurs und wird im Energiemix der Zukunft wohl noch an Bedeutung gewinnen. Doch die Verbrennung von Holz birgt auch verschiedene Probleme, an deren Lösung noch geforscht wird.

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  • 15/03/2011

    „Jede bisherige KWK-Förderung war ungenügend” – Interview mit Prof. Wolfgang Mauch

    Professor Wolfgang Mauch

    Wolfgang Mauch, geboren 1956, ist Geschäftsführer der Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V. (FfE) und der Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft mbH.

    Im Anschluss an ein Studium der Elektrotechnik in Berlin promovierte er an der TU München. Seit 1995 ist er dort Lehrbeauftragter zu den Themen „Industrielle Energiewirtschaft“ und „Ökobilanzierung und Umweltmanagement“.

    In seiner Forschung und zahlreichen Publikationen widmet sich Mauch den Techniken und Potenzialen regenerativer Energien sowie der Gebäudetechnik und Elektromobilität.

    Die FfE wurde bereits vor über 60 Jahren gegründet.

     

    Herr Professor Mauch, wie werden Sie im Jahr 2050 Ihr Haus mit Energie versorgen?
    Hoffentlich mit Tiefengeothermie – am Ammersee plant man eine Bohrung, die erfolgreich verlaufen könnte. In urbanen Räumen kommt grundsätzlich eine Fern- oder Nahwärmeversorgung in Frage. Diese kann mit konventionellen Energien wie Öl und Gas, aber in Zukunft mehr und mehr mit regenerativ erzeugter Wärme gespeist werden. In sehr dünn besiedelten Gegenden sind dagegen elektrisch betriebene Wärmepumpen die Wärmeerzeuger der Wahl.

    Sind Wärmepumpen für Einfamilienhäuser angesichts des gegenwärtigen Energiemix sowie hoher Anschaffungskosten und steigender Strompreise zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls die erste Wahl?
    Aus ökologischer Sicht sind Wärmepumpen in jeden Fall eine sehr gute Wahl. Mit jeder weiteren Solarzelle und jedem weiteren Windkraftwerk wird das Heizen mit Wärmepumpe noch umweltfreundlicher. Die Wärmepumpe ist gegenüber konventionellen Techniken durchaus konkurrenzfähig. Die Strompreisentwicklung ist meines Erachtens kalkulierbarer als die Gas- und Ölpreisentwicklung, wie die Energiekrise 2008 gezeigt hat.

    Momentan entwickelt sich der Markt für Mikro- und Kleinst-KWK langsamer als prognostiziert. Ist die staatliche Förderung ausreichend und zielführend oder bedarf es alternativer Konzepte?
    Die Marktentwicklung hängt nicht unbedingt von der Förderung ab. Wichtige Punkte sind zusätzlich die verfügbaren Leistungsgrößen. In Einfamilienhäusern sind Blockheizkraftwerke kaum sinnvoll einsetzbar, weil die meiste Zeit nicht geheizt wird. In Mehrfamilienhäusern ab acht Wohneinheiten ist KWK aufgrund des relativ gleichmäßigen Warmwasserbedarfs sinnvoll. Jede KWK-Förderung hatte bisher einen ungenügenden Ansatz. Das Produkt aus geliefertem Strom und Wärme müsste mit einem entsprechend hohen Betrag gefördert werden.

    Noch gibt es häufig Beschwerden über die eingeschränkte technische Zuverlässigkeit der Geräte. Handelt es sich hier nur um die üblichen technischen Kinderkrankheiten oder ein grundsätzliches Problem bei Kleinstanlagen?
    Die motorischen KWK‐Systeme haben eigentlich kein grundsätzliches Problem. Die Wartungsintervalle müssten sich allerdings noch verbessern. Außerdem muss die Wartung günstiger werden.

    Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Mini‐KWK auch in Ein‐ oder Zweifamilienhäusern rentabel betrieben werden können?
    Neben den Betriebskosten spielen auch die Anschaffungskosten eine oft unterschätzte Rolle. Um Einfamilienhäuser wirtschaftlich mit Mini-KWK versorgen zu können, müssten zunächst die notwendigen Geräte der Leistungsklassen unter zwei Kilowatt elektrischer Leistung zu sinnvollen Preisen verfügbar sein.

    Insbesondere in ländlichen Regionen haben viele kleine und mittlere Unternehmen einen konstanten Wärmebedarf für ihre Gewerbeobjekte oder Arbeitsprozesse. Welches Potential sehen Sie hier für KWK?
    Dort wo konstanter Wärmebedarf auf niedrigem Temperaturniveau, also unter 100 °C vorhanden ist, kann ich nur dringendst dazu raten, in eine KWK-Anlage zu investieren. Die Investition rechnet sich!

    Bieten Mini- und Groß-KWK für ländliche Regionen Vorteile bei einer zeitgemäßen Energieversorgung oder der regionalen Wertschöpfung?
    KWK-Anlagen in Verbindung mit Nahwärmeversorgung können die regionale Wertschöpfung erhöhen. So könnte die Einbindung von Landwirten als Rohstofflieferanten eine ortsnahe Wertschöpfung ermöglichen. Bei Mikro-KWK könnte höchstens durch die Notwendigkeit, lokale Handwerker für die Wartung heranzuziehen, ein Beitrag zur regionalen Wertschöpfung erzielt werden.

    Gerade in ländlichen Räumen fernab der überregionalen Versorgungsstrukturen stellen Inselnetze eine wichtige Alternative dar. Ist eine zentrale KWK-Anlage, die Fernwärme an die Haushalte liefert, vorteilhaft oder ist ein Netz, das Bio- oder Flüssiggas für individuelle Heizanlagen an die Haushalte liefert, besser geeignet?
    Der Spruch „small is beautiful“ gilt nicht für den Bereich der Energieumwandlung. Zentrale Anlagen sind in der Regel besser, sie führen zur Zentralisierung der Emissionen, höheren Wirkungsgraden und über Gleichzeitigkeiten von Energieerzeugung und –verbrauch zu weniger Überkapazitäten. Außerdem bestehen bessere Möglichkeiten der Vernetzung zu virtuellen Kraftwerken, weil der Aufwand dafür sinkt.

    Welches ist aus klimapolitischer Sicht der wichtigere Faktor: der Brennstoff oder die Heiztechnik?
    Man sollte keinen der beiden Faktoren außer Acht lassen. Fossile Brennstoffe mögen entweder in 50, 100 oder 1.000 Jahren zur Neige gehen. Egal wann dies letztlich der Fall sein wird, wir müssen uns heute auf den Weg zu einer nachhaltigen Energieversorgung machen. Bei der Nutzung von Biomasse ist eine gute Heiztechnik zur schadstoffarmen und effizienten Verbrennung wichtig. Denn auch die Gewinnung und Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen kostet Energie und führt zu Umweltbelastungen.

    Sie erwähnten bereits die so genannten virtuellen Kraftwerke, die unter dem populären Begriff „Schwarmstrom“ für einiges Medienecho gesorgt haben. Sehen Sie eine Marktdurchdringung eher in städtischen oder ländlichen Räumen und wie realistisch ist eine zeitnahe Umsetzung?
    Zunächst wird es sich nur lohnen, größere Erzeuger zu vernetzen. Wo diese letztendlich ihren Standort haben, ist für das virtuelle Kraftwerk irrelevant. Allerdings sind die BHKW, die eine ausreichende Größe haben, derzeit überwiegend in Städten zu finden – beispielsweise in Bädern und der Notstromversorgung in Industrie oder Krankenhäusern.
    Der zusätzliche Verdienst durch virtuelleKraftwerke wird nicht so groß sein, dass sich unwirtschaftliche KWK-Systeme, zum Beispiel im Dreifamilienhaus, lohnen werden.

    Im Zusammenhang mit virtuellen Kraftwerken ist oft davon die Rede, dass Hybrid- und Elektrofahrzeuge die Rolle eines Stromspeichers übernehmen sollen. Ab wann können E-Mobilität und dezentrale Stromversorgung sich frühestens nennenswert ergänzen?
    Prinzipiell könnten Sie schon heute eine KWK-Anlage mit einem Elektrofahrzeug verbinden und KWK-Strom laden. Aber wie gesagt: Wohin mit der Wärme, wenn es nicht gerade Winter ist? Rückspeisung wird auf absehbare Zeit zu teuer sein. Auch gesteuertes Laden lohnt erst, wenn eine ausreichende Anzahl an Fahrzeugen auf der Straße ist bzw. auf den Parkplätzen steht. Vor 2025 halte ich das nicht für realistisch.

    Die flächendeckende Installation von Mini- und Groß-KWK, Smartmeters und -homes, neue Netzstrukturen und E-Mobilität – zu welchem Preis wird das alles zu bekommen sein und wer wird die Hauptlast dafür schultern?
    Natürlich Sie, die Stromkunden! Entweder direkt, weil Sie die Geräte kaufen müssen, oder indirekt über den Strompreis. Der EEG-Anteil wurde von den Energieversorgungsunternehmen bereits von zwei auf 3,5 Cent angehoben, er wird bis 2020 weiter auf etwa sechs bis acht Cent steigen. Hinzu kommt, dass die konventionellen Kraftwerke immer kürzer eingesetzt werden und somit Energie teurer produzieren.

  • 14/03/2011

    Ausgabe 1/2011 – Kraft-Wärme-Kopplung im ländlichen Raum

    Die FREE-Initiative hat ihren aktuellen Newsletter zum Thema "Kraft-Wärme-Kopplung im ländlichen Raum Energieversorgung der Zukunft?" veröffentlicht.


    Inhalt:

    Ländliche Gebiete in Dänemark
    Dänemark ist Europa Spitzenreiter beim KWK-Anteil in der Energieversorgung. Allerdings sind auch dort die ländlichen Regionen im Westen des Landes unterdurchschnittlich versorgt. Während rund 60 Prozent der dänischen Haushalte an das Fernwärmenetz angeschlossen sind, werden über 145.000 Haushalte, hauptsächlich auf dem Land, mit Öl oder elektrischen Öfen geheizt.

    Interview: Professor Mauch zur KWK-Förderung
    Prof. Wolfgang Mauch, Geschäftsführer der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) und Lehrbeauftragter an der TU München, rät zum Einsatz von KWK-Anlagen als lohnende Investition und sieht in lokalen Nahwärmenetzen auf Basis von Bioenergien eine Beitrag zur lokalen Wertschöpfung.

    Das vollständige Interview lesen Sie auf der FREE-Webseite.

    Anwendungsmöglichkeiten von KWK im ländlichen Raum
    Anhand von zwei für ländliche Regionen typischen Beispielen werden die Einsatzmöglichkeiten von KWK-Anlagen vorgestellt:

    Das Landhotel Buller in Hagen am Teutoburger Wald hat die alte Ölheizung durch zwei mit Flüssiggas betriebene Mini-BHKW ersetzt und senkte dadurch Kosten und umweltschädliche Emissionen.

    In Lippertsreute am Bodensee haben die Dorfbewohner in eine Biogasanlage und ein Nahwärmenetz investiert, um ein beispielhaftes 100-Prozent-Bioenergiedorf zu werden. In 20 Jahren sollen so rund 32.000 Tonnen CO2 eingespart werden.

    Virtuelle Kraftwerke: ein Schwarm voller Erwartungen
    Die Firma LichtBlick hat mit ihrem Konzept der Schwarmenergie für große Aufmerksamkeit gesorgt. Unter dem Namen "ZuhauseKraftwerk" wurde zusammen mit VW eine Mikro-KWK-Anlage entwickelt, die über einen Breitbandanschluss durch eine zentrale Leitstelle gesteuert und mit anderen Mini-KWK-Anlagen zusammengeschlossen wird. Als Ziel sollen über 100.000 Anlagen installiert und zu einem so genannten virtuellen Kraftwerk gekoppelt werden. Auch hier stecken die Probleme im Detail, so war die Serienreife der Anlagen noch nicht gegeben und auch die Objektgröße spielt eine wichtige Rolle in dem Konzept.

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  • 15/02/2011

    „Der Biomasse-Hype wird bald an seine Grenzen stoßen” – Interview mit Prof. Rainer Luick

    Professor Wolfgang Mauch

    Rainer Luick, geboren 1956, ist Professor für Naturschutz, Raumordnung und Landschaftsplanung, Landschaftsmanagement, Regionalwirtschaft, Limnologie und Umweltschutz an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR), Baden-Württemberg. Im Anschluss an ein Biologiestudium in Freiburg und New York promovierte er an der Universität Hohenheim im Bereich Landeskultur und Pflanzenökologie. 1999 wurde er Lehrstuhlinhaber an der HFR.

    In zahlreichen Veröffentlichungen befasst sich Luick mit der Analyse und Evaluierung von Agrar-Umweltprogrammen und der nachhaltigen Nutzung von Bioenergie. Darüber hinaus entwickelt er energiewirtschaftliche Biomassekonzepte für den ländlichen Raum und forscht zur Reform der Europäischen Agrarpolitik. Luick ist unter anderem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat Bioenergie beim Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg.

    Herr Professor Luick, wagen Sie doch bitte mal einen Ausblick: Aus welchen Energiequellen werden die Deutschen im Jahr 2030 Strom und Wärme beziehen?
    Wäre ich mit Ende meines Studiums Mitte der 1980er Jahre in einen langen Schlaf gefallen und vor kurzem wieder aufgewacht, ich würde mich wundern, was alles zum Thema Energiepolitik passiert ist. Da sind zum Beispiel die Positionen der CDU und der FDP in Erinnerung, die man in diesen Parteien heute wohl gerne verschweigen möchte. Erneuerbare Energien in jeglicher Form wurden damals als technische Phantastereien einiger irreal denkender Utopisten abgetan. Öl und Gas galten als unendlich verfügbare Ressourcen und Kernkraftwerke sollten am besten am Rand jeder größeren Stadt gebaut werden. Rückblickend frage ich mich, was wäre alles möglich gewesen und wo könnten wir heute energietechnisch stehen, wenn bereits vor 30 Jahren die nötigen politischen und damit auch die technischen Weichen gestellt worden wären, so wie die Entscheidungen dann letztendlich doch – aber eben erst vor wenigen Jahren – getroffen wurden?

    Heute wird von allen Parteien, egal welcher Farbe, widerspruchslos formuliert und gefordert, dass die zukünftige Energieversorgung – und egal für welche Verwendung – nur über Erneuerbare Ressourcen erfolgen kann. Die Unterscheidungen liegen lediglich in der zeitlichen Dimension und welche Technologien welche Priorisierung und Bedeutung haben werden. Doch auch heute gilt wie vor Beginn meines langen Schlafes, was möglich wäre und vermutlich eintreten wird. Wie also könnte die Zukunft aussehen? Möglich wäre, dass bis zum Jahr 2030 unser kompletter Energiebedarf für Wärme und elektrische Energie aus erneuerbaren Ressourcen bereitgestellt wird. Die Bedingungen sind allerdings, dass abgesehen von einem beschleunigten Ausbau Erneuerbarer Energieträger auch die Effizienz und Suffizienz politisch und technologisch gleichrangig verfolgt wird. Im Segment Wärme liegen beim Einsparen ungeahnte Potentiale, die leicht umsetzbar wären.

    Wie groß sind die Potentiale für Erneuerbare Energien in ländlichen Räumen, wo sehen Sie Grenzen für die Energiegewinnung?
    Die Bereitstellung von Erneuerbaren Energien ist in hohem Maß mit Potentialen korreliert, die nur in ländlichen Räumen existieren. Vermutlich sollte man zunächst kurz definitorisch klar stellen, was Erneuerbare Energien im ländlichen Raum genau sind. Sie umfassen jegliche Form der Biomassebereitstellung in der Regel aus landwirtschaftlicher und forstlicher Produktion und deren Neben- und Reststoffen, die solare Energie, also Photovoltaik und Solarthermie, aber auch Windenergie, Wasserkraft und auch die Geothermie. Mit Ausnahme der Photovoltaik, die selbstverständlich auch auf allen geeigneten Dächern in urban geprägten Räumen zum Einsatz kommen kann, haben alle anderen genannten Energieträger Anforderungen, die mit man vereinfacht ausgedrückt mit geringer Besiedlung, möglichen Störwirkungen und hohem Flächenbedarf in Bezug setzen kann. Unterschieden werden muss allerdings, was theoretisch möglich und gesellschaftlich wünschenswert und vor allem ökologisch nachhaltig ist. Für Wind und Photovoltaik haben wir bei weitem noch nicht die möglichen und nachhaltig nutzbaren Potentiale erschlossen – allerdings mit räumlich-geographisch unterschiedlichen Differenzierungen. Anders sieht es aus im Bereich der Biomasse. Hier sehen die Experten mittlerweile, dass wir bereits nach wenigen Jahren eines regelrechten Biomasse-Hypes die Grenzen zu erreichen beginnen und insbesondere beim Anbau von Biomasse für den Betrieb von Biogasanlagen eine Nachhaltigkeitsgrenze regional schon deutlich überschritten wird. Hier ist Erneuerbare Energie aus Biomasse bereits zu einem ernsten neuartigen Umweltproblem geworden.

    Welche Kriterien müssen erfüllt werden, damit eine nachhaltige Produktion nachwachsender Rohstoffe gewährleistet ist und ethische Standards eingehalten werden?
    Ich glaube, dies ist weniger eine ethische Frage als vielmehr ein Problem des Benchmarkings ökologischer Standards. Das wohl wichtigste Kriterium ist eine positive THG-Bilanz, das heißt, dass die Biomasse durch ihre Produktion keine Verschlechterung der Treibhausgasbilanz erfährt. Ein gutes Beispiel ist der noch vor kurzem mit viel Euphorie propagierte Biodiesel, der bei uns in Deutschland aus Raps hergestellt wird. Hier hat man leider feststellen müssen, dass Biodiesel in seiner raffinierten Form sogar deutlich negative Klimawirkungen hat. Dieser Weg sollte auf keinen Fall weiterverfolgt werden! Die Klimawirksamkeit muss tatsächlich die allerwichtigste Messlatte sein, die über den Sinn oder Unsinn einer alternativen Energieressource zu entscheiden hat und nicht Faktoren wie Arbeitskräfte, neue Einkommensmöglichkeiten oder Wertschöpfungsketten.

    Können Sie ein Beispiel hierfür nennen?
    Unterschätzt wird zum Beispiel die Freisetzung von Lachgas aus falschen Bodennutzungen und Kulturen bei landwirtschaftlicher Anbaubiomasse. Lachgas hat eine rund 300 mal stärkere negative Klimawirkung als Kohlendioxid. Aktuell wird das Substrat von Biogasanlagen zu fast 80 Prozent über Silomais bereitgestellt. Dieser wird in einer sehr engen Fruchtfolge angebaut – mit entsprechend negativen Folgen auf den Naturhaushalt. Dazu zählen Humusschwund, Nährstoffauswaschungen, Erosionszunahmen, Verlust an Biodiversität und nicht zuletzt auch die abnehmende Erlebnis- und Erholungswirkung unserer Landschaften. Hier müssen dringend neue Standards definiert werden!

    Ein grundsätzliches Problem, das Biomasse hat, ist außerdem die schlechte thermodynamische Effizienz der Photosynthese, denn diese vermag bezogen auf eine Flächeneinheit lediglich ein bis zwei Prozent der solaren Energie zu fixieren. Zum Vergleich: Der solare Erntefaktor bei Photovoltaik liegt selbst in unseren Breiten bei 14 bis 16 Prozent. Klare Botschaft ist deshalb, dass Biomasse vor allem über den Abfall-und Reststoffweg energetisch genutzt werden sollte und dann auch möglichst effizient. Es kann nicht akzeptiert werden, dass rund 80 Prozent aller deutschen Biogasanlagen keine sinnvolle Abwärmenutzung haben.

    Welche Möglichkeiten sehen Sie für einzelne Haushalte in ländlichen Räumen, direkt von der Energie- und Wärmeerzeugung vor Ort zu profitieren?
    Gerade im Altbestand von Immobilien gibt es vielfältige Möglichkeiten. Bevor man zum Beispiel in seiner häuslichen Energieversorgung zu so genannten erneuerbaren Systemen wechselt, sollte man bestehende Anlagen optimieren, schlechte Fenster ersetzen, Dach, Kellerdecke und die Gebäudehülle isolieren. Der verbleibende Energiebedarf kann dann eventuell mit einer modernen Pelletheizung oder einem geothermischen System – aber nur betrieben mit elektrischer Energie aus erneuerbaren Quellen – gedeckt werden. Eine schlechte Lösung wäre, wenn energetisch mangelhafter Gebäudebestand mit einem hohen Wärmebedarf mit einer entsprechend dimensionierten scheinbar ökologischen Heizanlage ausgestattet wird. Das ist auch ein Problem von Bioenergiedörfern und vielen Nahwärmenetzen. Denn hier steht bei den Teilnehmern meist weniger die energetische Sanierung ihrer Gebäude im Vordergrund, sondern ein billiger Energieträger. Aus Sicht des Betreibers eines derartigen Netzes sind nachträgliche Sanierungen sogar eher störend. Sie reduzieren die kalkulierten Umsätze und die Leitungsdimensionen passen nicht mehr, sollten nicht Neuanschließer die Bilanzlücke schließen.

    Welche Möglichkeiten sehen Sie in der Biomassenutzung?
    Der Schwerpunkt der Biomassenutzung sollte vor allem in der Verwertung von Rest- und Abfallstoffen liegen. Situativ gesehen ist auch die Produktion von Biogas über Anlagen sinnvoll, die landwirtschaftlichen und viehhaltenden Betrieben zugeordnet sind und die über eine durchdachte Abwärmenutzung verfügen. Hier stelle ich mir eine Anlage vor, die auf einem Hof mit Tierhaltung steht und die anfallende Gülle veredelt. Zehn bis 20 Prozent der Produktionsfläche des Betriebs können durchaus mit Anbaubiomasse belegt sein, die dann in einer vielgliedrigen Fruchtfolge erfolgt. Denn pflanzliche Alternativen zum Mais gibt es durchaus. Die Abwärme einer solchen Anlage wird vollständig und sinnvoll bewirtschaftet. Nahwärmenetze und Mikrogasleitungen zu zentralen Abnehmern, wo dann ein Blockheizkraft stehen sollte, sind jetzt schon verfügbare Konzepte. Zukünftig sollte daher dem Standort einer Anlage entscheidende genehmigungsrechtliche Bedeutung beigemessen werden.

  • 01/02/2011

    Ausgabe 2/2010 - Energieproduktion in ländlichen Räumen

    FREE Newsletter Deutschland Cover

    Im Fokus: unkonventionelles Gas / „Der Biomasse-Hype wird bald an seine Grenzen stoßen“ – zur Zukunft der Energiegewinnung durch Biomasse und nachwachsende Rohstoffe in ländlichen Räumen – Interview mit Prof. Rainer Luick / Ländliche Gebiete in Polen / Termine

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  • 15/01/2011

    „Kreativität beim Entwickeln des Eigenen ist gefragt” – Interview mit Prof. Birgit Franz

    Professor Wolfgang Mauch

    Birgit Franz, Jahrgang 1960, ist Professorin für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden, Niedersachsen (HAWK). Im Anschluss an das Architekturstudium promovierte sie an der Universität Karlsruhe (TH). In 2003 wurde Franz Studiendekanin und später Geschäftsführende Dekanin an der HAWK.

    In ihrer Forschung und zahlreichen Veröffentlichungen widmet sich Franz den Folgen des demographischen Wandels und seinen Auswirkungen auf historische Bausubstanz in ländlichen Räumen. Sie entwirft Projekte zur Erhaltung und zum Umbau von Altbauten und Baudenkmalen und beschäftigt sich intensiv mit der Praxis der Denkmalpflege.

    Prof. Franz ist unter anderem Mitglied im Deutschen Nationalkomitee des Internationalen Rates für Denkmalpflege, in der WTA und in der Architektenkammer Baden-Württemberg.


    Frau Prof. Franz, als Architektin forschen Sie seit Jahren zu Themen der Denkmalpflege. Wie gefährdet ist eigentlich der verbliebene historische Baubestand im ländlichen Raum?

    Die Ergebnisse der Tagung des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege e.V. „Schrumpfende Städte und Dörfer – Wie überleben unsere Baudenkmale?“ vor vier Jahren weisen, so genannte Leuchtturmprojekte abgezogen, eine Bestandsgefährdung von fast 100% aus. Jede Modernisierung, Instandsetzung oder Umnutzung bringt Verluste an der denkmalwerten Substanz. Das Ausmaß ist insofern nicht zu quantifizieren als Verluste durch baubehördlich nicht angezeigte Maßnahmen hinzukommen. Schutz und Pflege des Denkmalbestandes auf dem Lande können nur gelingen, wenn die Bürger sich mehrheitlich der Werte ihrer Kultur und ländlichen Lebensqualität bewusst werden.

    Wie schätzen Sie die Möglichkeiten für eine Modernisierung der historischen Bausubstanz in den ländlichen Regionen ein?
    Vorab ist zu kommentieren, dass wir bei der Modernisierung der historischen Bausubstanz zwischen denkmalgeschützten und nicht denkmalgeschützten Bauwerken unterscheiden müssen. Bei  Baudenkmalen findet die individuelle Leistungsfähigkeit der baulichen wie raumstrukturellen  Substanz – glücklicherweise – stärkere Berücksichtigung. Grundsätzlich steht der Modernisierung von Bauwerken in der ländlichen Region genauso viel oder wenig entgegen wie in Klein- oder Mittelstädten. Allerdings fehlen oft, anders als in Ballungsräumen, die Menschen und damit die Finanzkraft. Hier bestimmt in weiten Landstrichen auch die monetäre Schrumpfung das Szenarium.

    Welche Szenarien für den Erhalt der Baudenkmale sind vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklungen denkbar?
    Verschiedene! Ein derzeit verdrängtes Szenarium ist das Entstehen von Wüstungen, übrigens historisch betrachtet kein neuzeitliches Phänomen. Wüst fallen ist ein Prozess, kein Ereignis! Kürzlich wurde ich gefragt: „Ist Gebäudeleerstand ansteckend?“ Ich sagte: „Ja!“ Und damit wären wir beim zweiten in der Öffentlichkeit verdrängten Szenarium. So wie die Denkmalschutzgesetze der Länder keine Klassifizierung der Baudenkmale kennen, diese dennoch „best practice“ ist, so werden sich nicht nur Politiker, sondern auch wir Bürger uns die Frage stellen müssen, ob wir nicht gerade durch Analyse und Bewertung die unausweichlich fortschreitende Schrumpfung bewusst gestalten wollen, anstatt weiterhin an vielen Stellen Verdrängungsmechanismen für das Unausweichliche zu praktizieren.

    Die ländlichen Regionen sind in Deutschland unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken ausgesetzt. Wirken sich diese auch auf die Denkmalpflege aus?
    Grundsätzlich gibt es diese vielzitierten Entwicklungsdynamiken. Doch außerhalb der Ballungsräume zeigt sich schnell, dass der Strukturwandel im ländlichen Raum allgegenwärtig ist. Die „toten Augen“ leer stehender Gebäude sind in allen Regionen gleichermaßen beängstigend, mag auch die exakte Statistik bis 2020 hier oder dort „nur“ 5% statt 25% Bevölkerungsschwund ausweisen. Die Bertelsmann Stiftung prognostiziert, dass 50% der Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern bis 2020 schrumpfen. Sie merken vermutlich schon, dass ich den Begriff der Schrumpfung gegenüber jenem des demographischen Wandels bevorzuge. Auch deshalb, weil er weniger abstrakt ist und damit begreifbarer. Aber der Begriff des demographischen Wandels wird mir oftmals zu sehr als Synonym für die Überalterung in der Gesellschaft verstanden.

    Haben die Dorfentwicklungsprogramme der letzten 20 Jahre zum Schutz von Baudenkmalen beigetragen?
    Unbestritten gab und gibt es zahlreiche sinnvolle Förderungsmöglichkeiten, beispielsweise die Gemeinschaftsinitiative „LEADER+“ der EU. Fördermittel zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft werden unter Berücksichtigung der Besonderheiten der beantragenden Region vergeben, damit eine zugeschnittene Strategie vor Ort entwickelt und angewendet werden kann. Dennoch: Für eine sinnfällige Mittelverteilung mit langfristiger und nachhaltiger Wirkung müssen die allzu lange verdrängten Schrumpfungsszenarien vor Ort und öffentlich diskutiert werden. Auch deshalb steht in jüngster Zeit allerorts die Bürgerbeteiligung im Fokus vieler Förderprogramme. Es sind die Menschen, die mit der Schrumpfung konstruktiv umgehen müssen, um ein lebenswertes Umfeld zu behalten.

    Können Baudenkmale als regionaler Identifikationspunkt und Ausgangspunkt für die endogene Entwicklung von Orten dienen?
    „Das Eigene entwickeln“ war gerade Tagungsthema des Deutschen Städtetags, Partner der Nationalen Stadtentwicklungspolitik, im Oktober 2009 in Köln. Klar und deutlich wurde herausgearbeitet, dass Denkmalschutz nicht allein als konservierendes Element der Stadtentwicklung verstanden werden darf, sondern vor allem als Instrument mit politischer Bedeutung für die lokale Entwicklung. Programme zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements, wie beispielsweise „Belebung der Innenstädte – Quartiersinitiative Niedersachsen (QIN)“, helfen, solche Modelle zu fördern. Das Motto für die kleinen ländlichen Gemeinden oder größeren Städte: Ein lebendiger Ortskern steigert nicht nur die Lebensqualität, sondern wirkt auch Identität stiftend.

    Mit Blick auf bisherige Dorfentwicklungsprogramme: Sehen Sie eine Notwendigkeit für eine Neuausrichtung der Bauplanungen?
    Da habe ich sicherlich eine harte Einschätzung: Das Ignorieren des demographischen Wandels in der kommunalen Politik hat das Leerstandsproblem in unseren Dörfern gesteigert. Seit den 1970er Jahren wurden Neubaugebiete ausgewiesen, um Abwanderungen in die Nachbargemeinden zu verhindern, obwohl man sich intern in der Kommunalpolitik der Folgen für die Dorfkerne durchaus bewusst war. Inzwischen sind jedoch neben einzelnen Kommunen ganze Pilotmodelle an den Start gegangen. So werden im neuen raumordnerischen Landesansatz „Raum plus“ der Modellregion Westpfalz innerörtliche Flächenpotentiale kartiert, damit die grüne Wiese künftig so selten wie möglich als Bauland dient und der Ort selbst größtmögliche Stärkung erfährt.

    Was sind Beispiele für erfolgreiche Projekte, die durch Erhaltung von Baudenkmalen positive Akzente und Impulse auf die weitere Stadt- sowie Dorfentwicklung hatten?
    Welches positive Beispiel wählt man an dieser Stelle aus? Es gibt sie reich an Zahl wie Art und Weise. Wanfried in Nordhessen ist ein erfolgreiches Projekt. Begonnen hat es wohl mit dem großen Fest zur 400. Jährung der Verleihung der Stadtrechte. Die außergewöhnlichen Aktionen der Bürger lockten 20.000 Gäste aus nah und fern in das von Leerstand bedrohte kleine Städtchen. Was daraus wurde: gelebte Nachhaltigkeit, wie eine von Bürgern des Ortes sanierte denkmalgeschützte Schlachte; Gemeinschaft mit Neubürgern, weil Familien aus dem Nachbarland Niederlande nach Wanfried aus Begeisterung für diese Bürgergemeinschaft zogen. Mit viel Eigeninitiative und ehrenamtlicher Unterstützung der Einheimischen haben sie inzwischen mehrere Fachwerkhäuser vor dem Verfall gerettet. Kreativität beim Entwickeln des Eigenen ist gefragt und die Vielfalt der Ideen, die über das Einzelobjekt hinausgehen, muss unterstützt werden.

    Unterscheidet sich der Denkmalschutz in ländlichen Räumen von dem in Städten und Ballungsgebieten?
    Dörfer, Städte und historische Kulturlandschaften werden und müssen weiterentwickelt werden; wir leben nicht unter der berühmt berüchtigten Käseglocke einer musealisierten Welt. Doch die Kultur, auf der wir stehen, braucht auch die gebauten Zeugnisse unserer Geschichte. Der britische Politiker und Verleger Harold Macmillan sagte einst: „Tradition soll ein Sprungbrett sein, aber kein Ruhekissen.“ Der reine Schutzmechanismus als solcher unterscheidet dabei zwischen Land und Stadt nicht. Die Unterschiede liegen eher im Umgang. Der enorme Siedlungsdruck in Ballungsräumen bringt zahlreiche Baudenkmale eher durch kommunale Planung in Gefahr, während im ländlichen Raum vielerorts eher der Verfall infolge von Wegzug und Leerstand das Gefährdungspotential ausmacht.

    Zu den modernen Herausforderungen gehört es, die Denkmale und historischen Bauten entsprechend den Klimazielen zu modernisieren. Welchen Handlungsbedarf und welche damit verbundenen Möglichkeiten im ländlichen Raum sehen Sie angesichts des neuen Energiekonzepts der Bundesregierung?
    Deutschland soll bis zum Jahr 2050 schrittweise eine der effizientesten und umweltfreundlichsten Volkswirtschaften der Welt werden. Auch Baudenkmale müssen und werden hier ihren Beitrag leisten – aber nicht alle gleichermaßen. Damit die Baudenkmale in ihrer Aussagekraft als Kulturzeugnis in diesem Prozess nicht verloren gehen, muss der heutzutage für alle Lebensbereiche vielbemühte Begriff der Diversität auch hier mit Leben gefüllt werden. Stichwort ist dabei die Quartiersbetrachtung. Es muss Baudenkmale geben dürfen, die einen kleineren Klimabeitrag leisten können und solche, die einen größeren Beitrag leisten können. Der Ruf nach mehr Differenzierung scheint mir nötig. Zu Recht wird neben einer Abkehr von der Zersiedelung der Landschaft der Energieausweis für Siedlungen in ihrer Gesamtheit gefordert, um schlechtere Energiewerte an der einen Stelle durch bessere an anderer Stelle kompensieren zu können. Auch das beste Nullenergiehaus nützt nichts, wenn es an der falschen Stelle steht. Untersuchungen zur Umsetzung von Energiedörfern auf Null-Emissions-Basis könnten beispielsweise den Mobilitätsfaktor kompensieren. In den im ländlichen Raum lokal generierbaren Erneuerbaren Energien wird für die ländliche Strukturentwicklung ein Wirtschaftsfaktor und damit neben dem Schwerpunkt Tourismus eine Zukunftschance gesehen. Sicherlich wird man in diesem Veränderungsprozess über die sichtbaren Folgen im kulturlandschaftlichen Erscheinungsbild diskutieren, sie differenziert bewerten müssen.

    Mit welchen finanziellen Herausforderungen ist energieeffiziente Bausanierung verbunden?
    Ohne sich auf allgemeine Plazets zurückziehen zu wollen, ist Bauen immer eine finanzielle Herausforderung. Vielleicht haben das Baudenkmale und energieeffizientes Bauen sogar gemeinsam: Es trauen sich mehr Menschen an die fachlich diffizilen Aufgaben als dafür fundiert ausgebildet und interdisziplinär aufgestellt sind. Wenn der Individualität von Baudenkmalen durch Diversität der Lösungen Rechnung getragen werden sollte, dann kann die Bewältigung der Herausforderung in weiten Bereichen gelingen. Ganz persönlich sehe ich auch das Problem, dass der mündige Bürger zu sehr darauf vertraut, dass im Verpacken seines Hauses in Vollwärmeschutzpaketen die Lösung liegt. Angespornt durch Förderungen wird hier oftmals die weniger gesamtökologische, die weniger nachhaltige Lösung gewählt.

    Was wünschen Sie sich für den Denkmalschutz und die Denkmalpflege im ländlichen Raum?
    Einen weiten Blick der Beteiligten auf die vielfältigen Bedürfnisse der Menschen, der Natur, der Dörfer und Städte. Dass die lauten Rufe nach sich kontraproduktiv übertrumpfenden „Leuchtturmprojekten“ schwächer werden und wir mit der Schrumpfung leben lernen. Den Wandel als Chance für Nachhaltigkeit begreifen statt Aktivismus, Entschleunigung statt Geschwindigkeit, Qualität statt Quantität.

  • 01/01/2011

    Ausgabe 1/2010 - Herausforderungen für ländliche Räume in Europa

     

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    Kreativität beim Entwickeln des Eigenen ist gefragt“ – Interview mit Prof.Birgit Franz zur Zukunft historischer Bauten in ländlichen Regionen / Die FREEInitiativeunterstützt ländliche Regionen Europas / Gegenübergestellt: Biomasse /Europa: Ländliche Räume in Irland / Partnerschaften der FREE-Initiative

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